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Afrikanischer Rhythmus

"Il faut prendre le rhythme africain – sinon tu t'énerves", riet mir ein junger Franzose, mit dem ich hier in Ouagadougou auf den Beginn eines Konzertes wartete – lange wartete.
Der afrikanische Rhythmus ist ein langsamer mit vielen Pausen. Nicht einfach, wenn man an das flotte Staccato der westlichen Leistungsgesellschaft gewöhnt ist.
„Durchschweife frei das Weltgebiet, willst du die Heimat recht versteh'n; / wer niemals außer sich geriet, wird niemals gründlich in sich geh'n!“, befand Paul von Heyse. Ich bin öfters außer mich geraten über den „rhythme africain“. Über ein Restaurant, wo ich gut eine Stunde auf einen Teller Suppe gewartet habe; über unseren Hausarzt, der versichert in einer Stunde da zu sein und sich nach zwei Stunden meldet, um mitzuteilen, dass er nicht wisse, wie lange es noch dauere, bis er komme; über einen Bekannten, den ich zum Essen einlud, um ein paar Minuten, nachdem ich die Platten auf den Tisch gestellt hatte, seinen Anruf zu empfangen, dass er nun doch lieber in einigen Wochen kommen wolle.
Im „rhythme africain“ bewegt sich auch meine Arbeit an dem Projekt, mit meiner Mitvolontärin einen „Club d'Allemand“ am. Lycée Zinda Kaboré aufzubauen. Mit einem Französisch-Grundkurs des Neuen Gymnasiums Oldenburg habe ich vor meiner Abreise gemeinsam mit der Lehrerin Marina Arians ein Kooperationsprojekt ins Leben gerufen. SchülerInnen aus beiden Ländern sollen ein Buch und einen Kurzfilm über das Glück gestalten. Glücklich bin ich mit dem Projekt manchmal gar nicht:
Beginnen sollte mein Volontariat am Lycée – und damit die Arbeit des Clubs – laut meiner Entsendeorganisation, dem Internationalen Bund, mit dem der Deutsch-Obmann des Lycées, Monsieur Yira, eine Partnerschaft auf den Weg gebracht hat, am fünfzehnten September – zu Schuljahresbeginn. Tatsächlich dauerten die Ferien bis zum ersten Oktober. Bis der Unterrichtsbetrieb jedoch richtig in Gang gekommen war, war es Mitte Oktober, weil zuvor alle SchülerInnen das Schulgeld bezahlen mussten.
Nun galt es, durch die Premières und Terminales zu ziehen, die Abschlussklassen, die bereits im zweiten oder dritten Jahr Deutsch lernen, um den Club d'Allemand und das Projektvorhaben zum Thema Glück vorzustellen. 200 Einschreibungen prophezeite Monsieur Yira. Tatsächlich trugen sich knapp sechzig SchülerInnen in einen ganzen Wust von Teilnehmerlisten ein, die in den Abschlussklassen die Runde machten. Zum ersten Treffen – wegen der Sorge, nicht alle SchülerInnen würden in den Raum passen war es mehrfach vertagt worden, sodass es mittlerweile November war – kamen dann sieben SchülerInnen. Was war mit den anderen? Sie schrieben Klausuren oder bereiteten sich darauf vor. Das taten sie auch noch in der nächsten Woche, sodass der Club d'Allemand ausfiel. Nicht zum letzten Mal. Im Dezember tobten zwei Wochen lang Schülerstreiks durch die Straßen der Hauptstadt, Trillerpfeifen schrillten über den Schulhof, Kinder und Jugendliche drängten sich unter der Nationalflagge des Lycées zusammen, um die Parolen der Schülergewerkschaft zu bekräftigen. Lautstark gedachten sie des regierungskritischen Journalisten Norbert Songo, den die Leibgarde des Staatspräsidenten Blaise Compaoré ermordet hatte. Auch der Tod eines Schülers, der in Koupéla bei einem Polizeieinsatz erschossen worden war, brachte die SchülerInnen auf. Unterricht fand kaum statt, an ein Treffen des Clubs d'Allemand war nicht zu denken.
Im Januar blockierten weder Klausuren noch Unruhen unsere Arbeit, wenn auch einmal die Solidarität mit einem Lehrer, dessen Tante verstorben war, gebot, das geplante Treffen ausfallen zu lassen, wie Monsieur Yira mir erklärte.
Meine Hoffnung, von nun an würden die SchülerInnen donnerstags pünktlich um halb vier vollständig erscheinen, passte allerdings nicht hinein in den „rhythme africain“. Feste Zeiten lässt er sich nicht ohne weiteres aufzwingen – schon gar nicht, wenn es vor allem um Vergnügliches geht, zu dem niemand gezwungen wird.
Doch Gott sei Dank gibt es Carolle. Wenn ich diese forsche und engagierte Schülerin auf dem Schulhof, im „kiosque“ oder noch abends um zehn per SMS bitte, die Mitglieder des Clubs d'Allemand für ein Treffen zusammenzutrommeln, kann ich sicher sein: Die macht ihnen Dampf! Oft rüttelt sie ihre MitschülerInnen auf, erinnert sie an Bilder, Szenen und Gedichte, die sie abgeben sollten, und hält zugleich Katharina und mich auf dem Laufenden, wenn ein Treffen ausfallen muss, wann sich Ersatztermine einrichten lassen und wie die Arbeit an den Projektbeiträgen vonstatten geht.
Doch nicht nur auf sie ist Verlass. Unermüdlich setzt sich auch Aristide für das Projekt ein, indem er als Chef des „Cinéclubs“ eine Filmkamera sowie das dazugehörige Stativ besorgte – und exzellent zu handhaben wusste. Das kleine Filmskript, das eine Schülerin geschrieben hatte, bearbeitete er gewissenhaft, um stets die passende Perspektive zu finden. Dabei übernahm er die Verantwortung des Regisseurs kurzerhand mit, gab stramme Regieanweisungen und motivierte verbesserte die SchauspielerInnen. Alle schätzen ihn sehr – als einen, der's im Griff hat!
Es mag ungerecht anmuten, hier die Leistung Einzelner in den Vordergrund zu stellen. Immerhin hat eine ganze Reihe von SchülerInnen recherchiert, gemalt und gedichtet – zumeist nicht während der Treffen des Clubs, deren eng geschnürtes Zeitkorsett oft nicht mehr zuließ als Aufgabenverteilung, sondern in ihrer Freizeit. Gerade angesichts des burkinischen Schulsystems, das wenig auf persönliche Kreativität und außerunterrichtliche Aktivitäten setzt, verdienen sie alle dafür größte Anerkennung.
Dennoch: Ohne das besondere Engagement Einzelner würde das Projekt wahrscheinlich gescheitert. In Afrika läuft vieles über persönliche Kontakte. Während unserer Arbeit sind wir sehr auf Einzelne angewiesen, die uns – eben durch persönlichen Kontakt, durch Austausch und Hilfsbereitschaft – in den „rhythme africain“ einführen.
Ein fremder Rhythmus, nach wie vor. Doch wenn – völlig außerhalb der eigentlichen Termine des Clubs – SchülerInnen mir Briefe für ihre Austauschpartner in Oldenburg übergeben, mittags spontane Treffen eingefädelt werden und sich einige Mitglieder des Club d'Allemand samstags stundenlang treffen, um die Montage ihres Filmes „Djami, la star“ zu gestalten, gerate ich über ihn nicht länger außer mich, sondern bewundere die ihm eigene Dynamik. Ein Perspektiv-Wechsel, den das Engagement der Mitglieder des Clubs d'Allemand möglich macht.

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