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Du bist eben weiß

Am Anfang fand ich sie süß. Sie rührten mich, diese Knirpse in den Straßen, die angestolpert kamen, mich mit großen Kulleraugen bestaunten und "Nassara, Nassara!", "Toubabou, Toubabou!" und „le blanc, le blanc!“ ("Weißer, Weißer!") riefen. Vor allem jener kunterbunt gekleidete Stöpsel vor der Bar, an der ich jeden Donnerstag vorbeikomme, entzückte mich. Einmal rannte er beinahe in mich hinein, wobei er mir mit heroischem Pathos eine angeknabberte Möhre wie eine Freiheitsfackel entgegenstreckte.

Wie gesagt, am Anfang fand ich's süß. Jetzt ist es die Hölle.

Wo ich auch bin, von überall klingt es „le blanc, le blanc!“, tönt es „Nassara, Nassara!“, schreit es „Toubabou, Toubabou!“, fünfzig Meter weit vernehmbar. Ein stiller Spaziergang durch die Gassen? Ein Moment des Alleinseins? Ein einfacher Arbeitsweg, nur für mich? Unmöglich. Und nicht nur die Kinder zeigen mit dem Finger auf mich, laufen mir nach und bilden Sprechchöre; die Erwachsenen sind nicht besser. Wenn ich an der Ampel warte, höre ich von links und rechts dieses „Nassara“ mit dem langgezogen-nasalen „a“ in der zweiten Silbe, fliegende Händler krakeelen es von der anderen Straßenseite herüber und die Marktfrauen krähen es mir zu, wenn ich an ihren Auslagen vorbeigehe.

Hat man denen nie beigebracht, dass sich so etwas nicht gehört?

Man hat es nicht.

Hier in Burkina Faso darf Neugier ausgedrückt werden; sie ist nicht verrucht, verpönt, verrufen wie in Europa. Mein Freund Karim versteht nicht, weshalb ich mich aufrege: „Nassara ist doch kein Schimpfwort. Du bist eben weiß!“ Recht hat er! Weshalb auch die Neugier unterdrücken? Sie ist eine völlig natürliche Regung, die nichts mit Fremdenfeindlichkeit oder schlechten Manieren zu tun hat.

Das Problem sind nicht die Kinder, nicht die Leute an der Ampel, nicht die fliegenden Händler und gewiss nicht die Marktfrauen. Das Problem ist, dass ich Spott wittere, wo keiner ist, Diskretion will, wo sie gar nicht hingehört. Neugier will gelebt, nicht unterdrückt werden.

Doch das ist leichter gesagt, als wirklich verstanden. Zu tief sitzt der „Wert“ der Zurückhaltung. Welches europäische Kind hat ihn nicht eingebläut bekommen? Wem wurde nicht eingeschärft, über Fremde erst zu sprechen, wenn sie außer Hörweite sind? Wem wurde nicht eingetrichtert, dass man „nicht mit einem nackten Finger auf einen angezogenen Menschen zeigt“?

Diese Erwartung der Zurückhaltung zurückzuhalten, fällt mir umso schwerer, als ich mir meist nicht sicher bin, was genau an mir Aufsehen erregt. Ist es wirklich nur die Hautfarbe? Oder ist es mein Gesichtsausdruck? Oder vielleicht doch die Frisur?

Ich weiß es nicht.

Und nicht allein auf der Straße werde ich aus meinen afrikanischen Mitmenschen nicht schlau. Auch in der Schule, wo nicht Mooré, die Sprache der Mossi, sondern Französisch gesprochen wird, verstehe ich oft nicht, was vor sich geht. Neulich schickte ich etwa einen Schüler hinaus, der gestört hatte. Anstatt jedoch vor die Tür zu gehen, krempelte er die Hosenbeine hoch und kniete sich vor die Wand.

Ein anderes mal schrieb ich den Namen einer Schülerin auf, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Ein Aufschrei ging durch die Klasse. Das dürfe ich nicht, das könne ich ihr nicht antun. Es stellte sich heraus, dass die Entrüstung nicht dem Aufschreiben den Namens galt, sondern der Farbe des Stiftes: Ich hatte den Namen in grün notiert. Was ich damit nun angerichtet habe, weiß ich nicht, aber es muss etwas recht Tragisches sein.

Gottlob klären sich viele Missverständnisse aber auch rasch auf.

Die drei unerhörten Kerle, die sich vor Lachen nicht halten konnten, als ich beim Zusammenstoß mit einem Motorroller vom Fahrrad rutschte, entpuppten sich als gar nicht so unerhört: Es muss wirklich lustig ausgesehen haben. Sie halfen mir auch sogleich, die Speichen des Fahrrades aus dem Ständer des Motorrollers zu tüfteln und die Lenkstange wieder richtig einzustellen.

Ebenso wenig wie die unerhörten Kerle unerhört waren, war der dreiste Postkartenverkäufer dreist. Nachdem ich mit ihm den Preis für drei Karten ausgehandelt hatte, bestand er darauf, dass ich eine vierte nehme. Ich erwiderte gereizt, wir hätten doch ausdrücklich über drei und nicht über vier oder fünf oder sonst wie viele Karten verhandelt. Schon, beruhigte er mich, aber die vierte schenke er mir dazu, schließlich seien wir Freunde.

So richtig begriffen habe ich das ehrlich gesagt wieder nicht. Aber muss ich das? War doch nett...

 

 

 



 

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