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Mit dem Motorroller...

...zur Abendmesse

Ich finde mich wahrhaft kühn. Weshalb? Weil ich morgens mit dem Fahrrad zur Schule fahre. Todesmutig ist das nicht etwa, weil mein Africa-United-Flitzer bei der geringsten Unebenheit der Straße kleine Hüpfer macht – und Unebenheiten, nicht nur geringste, gibt es in Ouagadougou reichlich – , sondern weil es viel Verkehr und wenige Regeln gibt. Sollten die viel bezwecken, müssten sie auch verdammt ausgeklügelt sein, denn die Verkehrsteilnehmer sind vielseitig: Zwischen grün angestrichenen altersschwachen Mercedes-Limousinen, die als Taxis herhalten, bahnen sich Pick-Ups ihren Weg, wälzen sich Lastwagen mit winkenden jungen Männern auf dem Dach durch die Stadt, speien Busse, denen Koffer, Möbel oder lebendige Ziegen aufgeschnallt wurden, rußgeschwärzten Rauch aus. Dazwischen ächzen Eselskarren unter ihrer Fracht, schieben Jugendliche Handwagen, winden sich Fußgänger und Fahrräder durch's Gemenge.
In diesem Getümmel dürfen vor allem jedoch die Motorroller, die Motos, nicht fehlen. Jeder, der es sich eben leisten kann, hat eines. Zwar sind die Motos Dreckschleudern sondergleichen, aber sie sind eben auch praktisch. In den wenigen asphaltierten Straßen würden Autos in ihrer klobigen Behäbigkeit alles lahm legen. In den zahlreichen nicht asphaltierten Straßen, würden ihre Felgen nicht lange überleben. Und wer es geschickt anstellt, kann auf seinem Moto ohne weiteres zwei bis drei Personen, ein halbes Dutzend Hühner oder einen Stapel Stühle unterbringen. Davon einmal abgesehen ist die Yamaha, wie mein Projektleiter befindet, „der Mercedes Afrikas“!
Wen überrascht es da, dass selbst die Lehrerinnen und Lehrer des Lycées Philippe Zinda Kaboré mit dem Moto zur Arbeit donnern, mögen sie auch vornehme Damen oder kauzige Gelehrte sein?
Mittlerweile schmunzele ich nicht einmal mehr über die beleibte Madame Ouedraogo, die erzkatholische Mutter einer Mitarbeiterin meiner Entsendeorganisation, wenn sie, von leuchtendem Tuch umwallt, auf dem Motorroller zur Abendmesse braust.
Lediglich die Moto-Touren mit meinem Arzt, die fällig waren, als ich mir eine Darminfektion eingefangen und als ich mir Malaria zugezogen hatte, missfielen mir. Fahrten ins Krankenhaus verlebt man für gewöhnlich nicht in jugendlicher Abenteuerstimmung, sodass man weder den Staub, der einem in die Augen fliegt, noch die Schräglage in den Kurven sonderlich schätzt.
Ansonsten sehen wir es in meiner Wohngemeinschaft allerdings alle recht gelassen, dass der Körper von Zeit zu Zeit schwächelt – die Burkinabé, gleichwohl sie abgehärteter sind, klagen auch fortwährend über die eine oder andere Unpässlichkeit. Im September hatte alle Welt Malaria, jetzt leiden viele am Husten. Besonders AsthmatikerInnen setzt der Staub zu, der mit der beginnenden Trockenzeit Ouagadougous Smog rötlich färbt; manchmal sieht man, wie sie sich am Lycée bis in die Bewusstlosigkeit röcheln.
So sehr es verstört, Zeuge dieser Leiden zu werden, zumal sie oder die Gefahr, die von ihnen ausgeht, nicht selten einer medizinischen Unterversorgung geschuldet sind, so sehr bewundere ich den burkinischen Umgang damit. Zunächst ist da jener trotzige Gleichmut, mit der man allem, was an der Gesundheit nagt, die Stirn bietet. Hat mein Projektleiter Malaria, bricht er nicht in Panik aus, sondern geht Unkraut rupfen, in der Überzeugung, die Erreger dabei auszuschwitzen. Zugleich erwächst aus der gemeinsamen Krankheitserfahrung eine Solidarität, wie sie in Deutschland keine Grippewelle je auslösen würde. Am Lycée erkundigen sich die LehrerInnen stets nach dem Befinden ihrer KollegInnen und deren Familien. Ich selbst werde schon bei dunklen Schatten unter den Augen ermahnt, auf mich Acht zu geben. Seit ich kürzlich eine diabetisch bedingte Unterzuckerung hatte, die scheinbar recht tragisch aussah, fragen meine KollegInnen mich täglich, ob ich mich auch ausreichend erhole. Eine Mutter erzählte mir, sie habe lange erwogen, für mich zu beten, es dann aber doch für klüger befunden, darauf zu verzichten. Ich versicherte ihr, der liebe Gott habe ihre Zurückhaltung honoriert.

Mit dem lieben Gott sollte man hier überhaupt auf gutem Fuße stehen. Entscheidend ist dabei nicht, ob man ihn nun Allah oder Jehova nennt, sondern dass man möglichst fest glaubt. Wenn nicht an Gott, kann man auch an die Macht der Ahnen glauben, die der Animismus beschwört – der lässt sich auch ganz gut mit Islam und Christentum kombinieren. Wen schließlich sollten die Funérailles, ein Ritual zur Bekämpfung der bösen Geister, die der Seele eines Verstorbenen entsteigen, daran hindern, leidenschaftlich zu diesem oder jenem Gott zu beten?
Dieses Religionsverständnis erklärt das harmonische Zusammenleben aller Gläubigen. Die Christen beschweren sich über das Geschrei der Muezzine ebenso wenig wie die Muslime sich an deren Gewändern mit Aufschriften wie „betet zu unserer heiligen Jungfrau“ und schrillen Marienbildern stören. Man teilt auch religiöse Freuden miteinander. Mein Projektleiter lud meine Mitvolontäre und mich beispielsweise zu den Tabaskis, einem muslimischen Schlachtfest ein. Auf seiner Terrasse versammelte sich die ganze Nachbarschaft: Ob Christen, Muslime oder Animisten – den gebratenen Hammel ließen sich alle gleichermaßen schmecken. Mit dem Weihnachtsfest hält man es ähnlich – und wer nicht bei Freunden, Nachbarn oder Verwandten eingeladen ist oder selbst eine Feier gibt, der freut sich zumindest über den freien Tag. Da die Burkinabé wissen, was sie an diesem Miteinander haben, pflegen sie es auch auf offizieller Ebene. Letztes Jahr wurde ein Jugendforum mit einem Tag der Religionen beschlossen, wo führende Vertreter von Muslimen, Animisten und katholischen und evangelischen Christen den Jugendlichen mit auf den Weg gaben, dass sie sie sich vom Bösen fernhalten sollten. Der Präsident bedankte sich für die Arbeit der Religionsgemeinschaften und nutzte die Gelegenheit, die Vorzüge des Laizismus darzulegen.
Was nicht geht, ist Atheismus. Als ich das Wort in meiner Antwort auf die Frage, woran ich glaube, gebrauchte, sorgte ich für Gelächter: Solch' ein gewichtiger Begriff um „an gar nichts“ zu sagen. Der Freund, der mir die Frage aufgenötigt hatte, war nicht einverstanden. Es möge ja sein, dass ich so erzogen worden sei, aber hier in Burkina Faso müsse ich mir schon eine Religion aussuchen, es gebe schließlich genug. Ausweichend antwortete ich: „Man wird sehen...“ Abermals lachten er und seine Kameraden: „Den lieben Gott kann man nicht auf später verschieben!“

Vielleicht muss ich tatsächlich einmal einen Gottesdienst besuchen. Sicher nimmt Madame Ouedraogo mich gern einmal mit, wenn's das nächste Mal zur Abendmesse geht. Mit dem Motorroller versteht sich...
 

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