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Nachdenken

 Es muss nicht immer Entwicklungszusammenarbeit sein

Der ehemalige deutsche Botschafter in Kamerun, Volker Seitz, Autor des Buches „Afrika wird armregiert oder: Wie man Afrika wirklich helfen kann“, hält nichts vom Freiwilligendienst in Entwicklungsländern. Innenpolitisch möge es ja seine Gründe dafür geben, jungen Menschen ihren „Ego-Trip ins Elend“ zu bezahlen, der Entwicklungszusammenarbeit nütze es dagegen nichts, wenn Jugendliche aus bürgerlichem Elternhaus in Afrika ihr Abenteuer Armut inszenierten.
Mit seiner Kritik steht er nicht allein da. Kein Wunder: Immerhin übernimmt der Staat bis zu 75% der Kosten für einen Freiwilligendienst im Ausland, sofern dieser durch das Förderprogramm Weltwärts unterstützt wird – bei jährlich etwa zehntausend Weltwärts-Freiwilligen kommt da eine stattliche Summe zusammen. Und auch wer, wie ich, unabhängig von diesem Förderprogramm für einen Freiwilligendienst ins Ausland geht, kostet den Staat monatlich zwischen 250 und 350 Euro. Ist unsere Arbeit das wert?
Schwer zu sagen. Was gebe ich der Gesellschaft, wenn ich in einem stickigen Klassenraum in Ouagadougou dem Lehrer zuhöre, wie er den Genitiv erklärt? Interkultureller Dialog schön und gut – aber hat jemand etwas davon, wenn ich mit meinem Projektleiter Tee trinke?
Der jugendpolitische Sprecher der Grünen wird sich etwas anderes vorgestellt haben, als er im Radiosender Deutschlandradio Kultur forderte, man müsse bei Internationalen Freiwilligendiensten „sehr genau hingucken“, ob die Qualität der Arbeit stimmt.
Doch was meint Qualität?
Zunächst scheint das ganz klar: Wer nach Afrika geht, soll da helfen. Was viele vergessen: Der Beitrag der Freiwilligen zur Entwicklungszusammenarbeit ist dann Qualitätskriterium, wenn es sich um ein Weltwärts-FSJ handelt. Dann geht es um „Projekte aus dem gesamten Themenspektrum der aktuellen Entwicklungszusammenarbeit, zum Beispiel aus den Schwerpunktbereichen Armutsbekämpfung, Bildung, Gesundheit, Ernährungssicherung, Not- und Übergangshilfe, Umwelt- und Ressourcenschutz oder Menschenrechte“, wie es auf der Homepage des Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit heißt. Aber nicht jeder Internationale Freiwilligendienst finanziert sich über Weltwärts – auch nicht, wenn er in Afrika stattfindet.
Junge Menschen sollen die Chance erhalten, „durch Erfahrungen in interkulturellen und gesellschaftspolitischen Bereichen in einer anderen Kultur, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Gleichzeitig sollen sie sich für andere Menschen und das Gemeinwohl einsetzen können. Bei dem IJFD handelt es sich um einen Lern- und Bildungsdienst“ (www.bundesfreiwilligendienst.de).
Und doch gelten für Afrika irgendwie andere Maßstäbe. In westlichen Nationen ist es Ordnung, einen Freiwilligendienst zu absolvieren, weil man noch nicht weiß, wie es im Leben weitergehen soll, weil man einfach mal raus will, weil man ein wenig fremde Luft schnuppern möchte.
In Afrika hingegen soll ein Freiwilliger Waisen wickeln, Reis verteilen und Aids-Kranke umsorgen. Als ich einer Freundin von Christoph Sahms großzügiger Unterstützung meines Freiwilligendienstes in Burkina Faso erzählte, zog sie die Stirn kraus. Mit dem Geld solle er lieber Brunnen bauen.
Wenn ich zu vermitteln versuche, dass ich in Afrika war und dort keine Entwicklungszusammenarbeit geleistet habe – und dies auch nie beabsichtigte – sorge ich oft für erstaunte Gesichter. Was will man da, wenn man keine Aufklärungsplakate klebt, keine Hungernden bekocht, keine Zisternen schaufelt, keine Verletzten verpflastert, keine Behinderten bemuttert? Ganz einfach: Ich wollte dort, was ich genauso in Europa gewollt haben würde: Die Faszination des Fremden, einen Kontrast zur provinziellen Heimat, ein Erleben des Neuen im Einsatz für eine gute Sache. Es ärgerte mich daher, tagelang zu Hause herumzulungern, weil es nichts zu tun gab, wochenlang keine Treffen der Deutsch-AG, die ich leitete, zustande zu bringen, monatelang in meiner Einsatzstelle bloßes Dekor-Element zu sein, weil es nichts zu tun gab.
Schließlich fand ich dann doch meine gute Sache: Einige wundervolle Schülerinnen und Schüler und ich drehten einen Film über das Glück, gestalteten ein Buch und stellten Standbilder, Lieder und selbstgeschriebene Gedichte am Goethe-Institut vor.
Die Ärmsten der Armen Burkina Fasos sind zu diesem Abend nicht erschienen. Dennoch brachte die Arbeit daran meine SchülerInnen und mich auf und einander näher, bot Zündstoff für Konflikte und für Feuerwerke der Kreativität, ließ uns zittern vor Wut und vor freudiger Erwartung. Für meine SchülerInnen und mich hat diese Arbeitserfahrung nicht dadurch an Wert verloren, dass ich ja auch in einem Waisenhaus hätte arbeiten können. Warum auch? Warum sollen für freiwillige Arbeit in Entwicklungsländern andere Maßstäbe gelten als anderswo?
Indem wir massenweise Bilder von Frauen mit geöffneten Händen und Volontäre, umringt von treuselig strahlenden schwarzen Kindern in die Welt setzen, tun wir unserem Gewissen nicht zugunsten, sondern aufkosten Afrikas etwas Gutes. Wenn wir Afrika nicht länger auf ein hilfsbedürftiges Armenhaus reduzierten, sondern ihm auf Augenhöhe begegneten, hülfen wir ihm sicher mehr als durch unser ewiges Geschrei nach Wohltaten, wie es sich in den Erwartungen an seine Freiwilligen manifestiert.

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