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Totenzeremonien...

...quicklebendig

Der Tod ist etwas sehr Lebendiges in Burkina Faso. Wie ich das meine? Der Tod eines Schulaufsehers des Lycées Zinda Kaboré gibt eine Antwort darauf. Mitten im Unterricht schrillte kürzlich die Schulglocke, die KlassensprecherInnen, begleitet von einer ganzen Reihe anderer SchülerInnen, eilten zur Staatsflagge auf dem Schulhof und kehrten nach einiger Zeit, in der ein Fortfahren im Unterrichtsstoff angesichts der Spannung in der Luft undenkbar war, in die Klasse zurück, um die traurige Kunde zu überbringen: „Der Dicke da“ sei verschieden. Diese Angabe erhielt ich auch von meinen KollegInnen auf die Frage, wer denn nun eigentlich gestorben sei: „Der Dicke da!“ Niemand sagte es abfällig, aber wie hätten sie ihn schließlich sonst beschreiben sollen? Seinen Namen kannten die meisten nicht und seine Leibesfülle war nun einmal unverkennbar. Als sich sein Tod herumgesprochen hatte, gingen alle heim – außer all jene SchülerInnen und Schulangestellten, die mit ihren Motorrollern oder im Schulbus zur Familie des erst einige Stunden zuvor Verstorbenen fuhren, um ihr Beileid auszudrücken. Vor seinem Hof hatte man bereits Holzbänke aufgestellt, auf denen sich einige Dutzend NachbarInnen versammelt hatten. Man brachte von überall her weitere Bänke, auf denen wir Platz nahmen. Nach und nach kamen immer mehr Freunde und Nachbarn, um mehr und mehr Bänke aufzustellen, Frauen schleppten Kühlboxen mit Getränken herbei, ein Peugeot-Ladewagen mit mindestens dreißig Jahren auf dem Buckel karrte Stangen und Planen für einen Pavillon heran, den die Trauernden gemeinsam inmitten der Straße aufbauten, ein Eselskarren brachte die dazugehörigen Blechstühle. Nach einiger Zeit begab sich eine Gruppe von LehrerInnen und SchülerInnen in den Hof des Verstorbenen. Die LehrerInnen zogen ihre Schuhe aus – der Tote war Moslem – und betraten das Haus. Ich selbst zog es vor, bei den SchülerInnen zu bleiben, die vor der Tür warteten, wurde jedoch von einer Schülerin gefragt: „He, Charles, willst du den Toten sehen?“. Ratlos nuschelte ich: „In Ordnung“, sodass ich mir nun ebenfalls rasch die Schuhe abstreifen und mich dem Zug der LehrerInnen anschließen musste. Der Schulaufseher, den ich lebendig nie gesehen hatte, lag, bis zum Hals mit einem Laken zugedeckt, in seinem Bett, das man so aufgestellt hatte, dass die Trauernden darum herum gehen konnten. Am Fußende unterbrachen wir unseren Gang kurz, um uns zu verneigen. Ich hatte noch nie einen Toten gesehen – bei meinen Großeltern hatte man schnellstmöglich den Deckel zugemacht. Dieser lag da nun ganz bescheiden in seinem Bett; es war so normal, so gar nicht gruselig oder geheimnisvoll. Nach anderthalb Stunden verabschiedeten wir uns und fuhren zurück zur Schule. Nur einige SchülerInnen blieben, um zu helfen.
Jemand stirbt und ein paar Stunden später stehen zweihundert Leute vor der Tür, von denen manche den Toten nie gesehen haben – mir schien das völlig natürlich, es gehörte hierher.
Der Tod nimmt in der westafrikanischen Kultur einen wichtigen Platz ein. Traditionellerweise enden der Kult um ihn nicht mit der Beerdigung, sondern mit den „funérailles“, einem Ritual zu Ehren der bedeutsamen Verstorbenen eines Dorfes, das sich zwischen März und Mai vollzieht. Man stelle sich darunter nur nicht eine schwermütige Inszenierung allseitiger Betroffenheit vor! Die funérailles sind ein großes Fest, das die Dorfbewohner und ihre Verwandten von nah und fern zusammenbringt. In Süd-West-Burkina Faso werden die funérailles besonders farbenfroh begangen. In dem Dorf bei Bobo Dioulasso, das ich zu den funérailles besuchte, herrschte aufgeregte Erwartung: Frauen stampften Mais für den Tô, einen festen Brei, Kinder trugen auf dem Kopf Ingwersaft und Bissap, ein Getränk aus Hibiskusblüten, durch die Gassen, Männer hantierten an einem aufgeschnitten Schwein herum. Burkinabè, die längst nicht mehr in ihrem Dorf lebten, brausten auf ihren Motorrollern herbei, überall Winken, Rufen, Umarmungen, dazu der beißende Geruch nach Dolo, Hirsebier, das die Dorfbewohner aus Kalebassen schlürften.
Den Höhepunkt der funérailles bilden die Umzüge der Masken. Den Holzmasken in Gestalt symbolträchtiger Tiere wie Elefanten, Antilopen oder Hornvögeln spricht die Tradition ein Eigenleben zu, unabhängig von ihren von Kopf bis Fuß mit leuchtenden Fransen in allen nur erdenklichen Farben behangenen Trägern – wer jene sind, ist streng geheim. Die Dorfbewohner, die ihre Tänze beklatschen, bejubeln und mit ihren Handy-Kameras filmen, haben sie große Ehrfurcht vor den Masken, schlagen doch jene mit Peitschen aus ineinander geflochtenen Ziegenlederriemen – solche Dorfbewohner, die dem Verstorbenen übel gesonnen waren, solche, die sich auf die Tanzfläche der Masken wagen, und solche, die kein Recht haben, der Zeremonie beizuwohnen, weil sie nicht initiiert sind. Die Initiation ist jenes Ritual, das Knaben zu „echten Männern“ macht. Man schickt sie für einige Wochen in die Wildnis, wo sie lernen, was echte Männer eben so zum Leben brauchen, und schneidet ihnen die Vorhaut ab. Dann erst erkennt die Dorfgemeinschaft sie als vollwertige Mitglieder an. Die wenigen Touristen, die das Spektakel der funérailles bewundern, werden selbstverständlich nicht geschlagen. Jedenfalls nicht mit Absicht. Da nun aber leider das etwa achtjährige Kind vor mir flink dem ihm zugedachten Peitschenhieb auswich und die Maske unter den Zotteln im Gesicht ohnehin nicht gut gezielt hatte, bekam ich ihn ab, sodass ich nun einen blutigen Striemen auf dem Arm habe.
Eine Narbe wird es wohl kaum. Schade eigentlich – das wäre ein Afrika-Andenken, das sich sehen ließe!

 

 

Der Monat März war ein spannender Monat. Obschon mich die Hitze, die in Burkina Faso einfällt, ganze Tage lang in Müdigkeit hüllt, stundenlang in tiefen Schlaf lullt und meinen Unternehmungsgeist lähmt, war Einiges los.
Es begann mit dem "Journée de la femme", dem Tag der Frau am achten März. Dass es einen "Tag der Frau" gibt, wusste ich nur von einer DDR-Postkarte, die in meinem Geschichtsbuch abgebildet gewesen war; Burkina Faso hat ihn hingegen als einziges Land der Welt zum Feiertag erhoben. "Feiertag" – das verstehen die Burkinabè wörtlich: In Tanzbars vergnügen sie sich vom Nachmittag bis in die frühen Morgenstunden. Auch für reichlich Essen, gegrillte Hühner, Fleischspieße und Fische, Pommes frites und Salat ist dort, wo es der Geldbeutel erlaubt, gesorgt – und zwar von den Männern, die sich an diesem Tag an den „Frauenarbeiten“ in Haus und Hof versuchen. So richtig konsequent ist der Rollentausch jedoch nicht, jedenfalls sah ich auch am Tag der Frau auf der Tanzfläche der Bar, wohin mich eine Freundin geführt hatte, Frauen, die sich ihre Kinder auf den Rücken gebunden hatten – ironischerweise mit Tüchern aus jenem Stoff, der zu Ehren des Tages der Frau gearbeitet wird. Der Stoff ist ein Verkaufsschlager. Die Losung, die er verkündet, ist allerdings auch nicht besonders streitbar und ob der Geist radikaler Emanzipation daraus spricht, ist fragwürdig: „Donner la vie sans périr!“ („Leben geben ohne zu verenden!“) Der Satz spielt auf die hohe Muttersterblichkeit in Burkina Faso an.
 

 

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